Niemals geht man so ganz, Servus Profifussball!

Es war der 22. Mai 2005 gegen 17:00 Uhr im – mittlerweile abgerissenen – Georg-Melches-Stadion zu Essen, als ich dieses Lied zum ersten Mal gehört habe. Der Gastgeber RW Essen hatte gerade mit 0:1 gegen meine Spielvereinigung verloren und musste nach nur einem Jahr in der 2. Bundesliga zurück in die Regionalliga. Haching hingegen hatte sich schon länger den Klassenerhalt gesichert. Ein deutlich frustrierter Fan schimpfe neben mir auf der fast leeren Tribüne: „Macht diesen Schnulzenscheiß aus“.

Ich habe lange mit mir gekämpft, ob ich wirklich etwas zum Abstieg der SpVgg Unterhaching schreiben soll. Die Hoffnung, es irgendwie zu begreifen, war dann der Antrieb, es zu tun. Ich bin um 1996 Sympathisant und ab 1999 Fan dieses einmaligen Vereins geworden. Um die 20 Jahre begleitet mich die Spielvereinigung also schon. Als heute 33-Jähriger ist das mehr als mein halbes Leben. Ich habe weit über 100 Auswärtsspiele in der gesamten Republik besucht, war bei unzähligen Freundschaftsspielen auf irgendwelchen Dorfplätzen. Wie oft ich ein Spiel im heimischen Sportpark besucht habe, kann ich nur schätzen. Es dürften um die 250 Spiele sein. Es gab Jahre, in denen ich kein einziges Spiel verpasst habe.

Leider war ich für die beiden Bundesligajahre 1990/2000 und 2000/20001 etwas zu jung und habe nicht alle Spiele gesehen, was ich wirklich sehr bedauere. Aber aus dieser Zeit sind so viele Erinnerungen vorhanden. Als wir bei den Münchner Löwen mit 2:0 gewannen und mit diesem Sieg tabellarisch vorbeizogen. Der mit etwa 5000 Hachingern gefüllte Gästeblock im Olympiastadion skandierte 20 Minuten lang: „Ihr seid unter Haching“.

Auch die Fahrt am 1. Spieltag der zweiten Saison, als wir wie im Vorjahr bei Eintracht Frankfurt spielten. Als wir wie im Vorjahr mit 0:3 verloren und ahnten, was kommen wird. Ich aber habe an diesem Tag meinen besten Freund kennengelernt, wofür ich unglaublich dankbar bin.

16 Minuten dauerte unsere Führung beim Deutschen Meister FC Bayern im Olympiastadion (nur 47.000 Zuschauer!) an. Unglaubliche Partystimmung, wie auch beim 1:0 Heimsieg in der Rückrunde. Das Tor von Spizak gegen Oliver Kahn habe ich heute noch vor meinem geistigen Auge. Auch der Derbysieg gegen die Blauen mit 3:2 bleibt unvergessen.

Ohne Probleme habe ich auch 15 Jahre nach dem Abstieg die historischen Fakten unserer unvergessenen Bundesligajahre parat:
– Wer hat das erste Tor geschossen?
– Wer hat das erste Tor Auswärts geschossen?
– Erster Sieg auswärts?
– Letztes Tor in der Bundesliga?
– Erste Niederlage zu Hause?
– Meisten Tore?

Aber auch nach dem Bundesligaabstieg gab es in Liga 2 und 3 gab es unfassbar tolle Momente, Spiele und Erlebnisse.

Die gesamte Saison 2002/2003, als wir als Meister wieder in die 2. Liga aufstiegen. Ich hatte diese Saison alle Spiele gesehen. Die Mannschaft spielte eine unfassbare Pokalsaison. Mainz, Union Berlin und Hansa Rostock verloren bei uns. Bayer Leverkusen zwangen wir im Viertelfinale ins Elfmeterschießen. Beide Mannschaften schossen jeweils 4 unhaltbare Elfmeter, ehe unserem Darlington Omodiagbe die Nerven versagten. Die Vorjahresabsteiger (die Mannschaft stieg nach dem Bundesligaabstieg direkt noch einmal ab) hatten sich rehabilitiert.
Ich erinnere mich aber auch an unfassbar schlimme, traurige und bittere Momente. Als wir auf Schalke abgestiegen sind, habe ich, damals 18 Jahre alt, bittere Tränen geweint. Ein Jahr darauf wieder ein Abstieg in Karlsruhe. Dieser allerdings war selbst verschuldet, wodurch die Wut größer war als die Trauer. Das anschließende Lizenzdrama hatte da ja noch nicht begonnen. Auch eine absolut unfassbare Komödie.

Den letzten Abstieg 2007 aus der 2. Bundesliga habe ich im TV erlebt, es hatte sich einfach angedeutet. Über Jahre wurde der Abstand zu den Abstiegsplätzen immer kleiner und dann hat es einfach nicht mehr gereicht. Und deshalb hielt sich auch meine Trauer in Grenzen.

Es hat auch einfach nicht mehr gereicht an diesem 23. Mai 2015. Eine mit sechs A-Jugend-Spielern verstärkte erste Mannschaft verlor bei Erfurt mit 0:1. Es ist für mich das Ende von Romantik im Fußball und ich hatte wieder Tränen in den Augen. Das gallische Dorf ist wieder viertklassig. 34 Spielzeiten hat das Abenteuer Profifußball angedauert. Wer keinen potenten Sponsor an seiner Seite hat, der hat unter den gegebenen Rahmenbedingungen einfach keine Chance. Wer dann auch noch wenig Fans wie die Spielvereinigung hat, dem weint auch niemand nach. Nur die wenigen wirklichen Hachingfans!

Die neuen Gegner kommen also aus Memmingen, Illertissen oder Rain am Lech. Ich bin trotzdem da, es hilft ja nichts.

Die Erinnerungen an mehr als mein halbes Leben, die bleiben und diese kann mir niemand nehmen!

Servus Profifußball!

Autor

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner